Im Gespräch mit Joji Hattori

erschienen im Experience 02/2015 und online

Sie sind in Japan geboren, in Wien aufgewachsen, haben als Musiker die Welt bereist und sind nun wieder in Wien. Warum?

Ehrlich gesagt war mir die Stadt in den 80er-Jahren, nach meinem Abitur, zu konservativ. Ich wollte hinaus in die weite Welt, studierte Geige in Amerika, Holland, Russland, Berlin und lebte lange Zeit in London. Als es mir dort zu groß und zu laut wurde, kehrte ich nach Wien zurück. In der Zwischenzeit hat sich die Stadt zu einer Weltstadt mit viel Energie entwickelt, in der gleichzeitig eine gewisse Gemütlichkeit und Ruhe herrscht. Ich bin gerne am Naschmarkt oder spaziere durch den Wienerwald. Jeden zweiten Vormittag jogge ich im Volksgarten, von wo aus man das Parlament, das Rathaus, das Burgtheater und die Hofburg sieht. Ich mag das viele Grün mitten in der Stadt.

Auf Ihren Reisen haben Sie zahlreiche Kulturen kennengelernt. Was macht die Wiener aus?
Die Direktheit und der Schmäh. Die Menschen reden beim ersten Kennenlernen nicht, wie etwa in Amerika, oberflächlich oder überfreundlich miteinander. Das mag auf den ersten Blick unhöflich erscheinen, ist aber bodenständig und ehrlich.

Als Kind spielten Sie schon Geige, heute dirigieren Sie namhafte Orchester wie das Wiener Kammerorchester. Wie beschreiben Sie das musikalische Wien?
Musik braucht Ordnung, aber auch Emotionen und Temperament. In der Habsburger-Monarchie haben sich in Wien viele Kulturen und somit auch musikalische Elemente vermischt. Das brachte bis heute tolle Musiker hervor, etwa bei den Philharmonikern oder den Sängerknaben. Die Stadt hat mit drei Opernhäusern, dem Musikverein und dem Konzerthaus ein unheimlich großes Angebot, das auch Besucher und nicht nur Abo-Kunden wahrnehmen können. Sogar beim Heurigen spielen manchmal fantastische „Schrammelmusiker“ auf Geige, Gitarre und Akkordeon. Das ist zwar keine Klassik, manche Musiker sind aber beruflich bei großen Orchestern. Es gibt also die Möglichkeit, zufällig beim Weintrinken auf hochwertige Musik zu stoßen.

Überlebt die Klassik im jungen Wien?
Jugendliche sprechen in der U-Bahn nicht über Mozart, aber als Vierzigjährige interessieren sie sich doch meist dafür. Das braucht Zeit, weil es die kompliziertere Musik ist, die man erst lieben lernen muss.

Ihr neuestes Projekt ist das Restaurant SHIKI. Warum wird ein renommierter Dirigent zum Wirt?
In die Musik konnte ich meine japanische Seite nicht einbringen, deshalb habe ich ein Restaurant eröffnet. Die Speisen sind japanisch, aber hauptsächlich mit österreichischen Zutaten. Es gibt zum Beispiel auch Saiblingssushi und westliche Desserts. Aus Japan importiert werden sehr spezifische Lebensmittel wie das berühmte Wagyu-Beef oder frischer Wasabi, seltener aber Fisch oder Gemüse. Die Bedienung ist österreichisch, da mir der persönliche, lockere Service-Stil gefällt. Auch im Luxusrestaurant.

Eine historische Persönlichkeit, die Sie gerne treffen würden?
Mozart. Er war so ein genialer Mensch, der ohne Skizzen fertig komponieren konnte. Angeblich war er auch sehr lustig, ein Partytiger.

Titelbild: Joji Hattori